Warum Abhängigkeit von Infrastruktur kein Randthema mehr ist
Digitale Souveränität wird häufig abstrakt diskutiert – in politischen Programmen, Strategiepapieren oder langfristigen Zielbildern. In der wirtschaftlichen Realität zeigt sich das Thema jedoch deutlich konkreter: dort, wo digitale Infrastruktur zur Voraussetzung für Stabilität, Planungssicherheit und Handlungsfähigkeit wird.
Die zentrale Frage lautet dabei längst nicht mehr, ob Europa digital abhängig ist, sondern wie stark – und mit welchen Konsequenzen.
Abhängigkeit ist Realität, nicht Ausnahme
Wie tief diese Abhängigkeit reicht, belegt eine aktuelle Erhebung des Digitalverbands Bitkom. Demnach geben 89 Prozent der deutschen Unternehmen, die digitale Technologien oder Dienstleistungen aus dem Ausland beziehen, an, davon abhängig zu sein (Bitkom, 2025). 51 Prozent stufen diese Abhängigkeit als stark ein, weitere 38 Prozent als eher stark. Noch deutlicher wird die Lage bei der Frage nach der eigenen Handlungsfähigkeit: 57 Prozent der Unternehmen sehen sich ohne digitale Importe maximal ein Jahr überlebensfähig. Lediglich 4 Prozent geben an, langfristig ohne entsprechende Importe auskommen zu können (Bitkom, 2025). Digitale Abhängigkeit ist damit kein Randphänomen, sondern strukturell verankert.
Die Abhängigkeit betrifft nicht einzelne Technologien, sondern nahezu alle Bereiche digitaler Wertschöpfung. Laut Bitkom beziehen 96 Prozent der Unternehmen digitale Technologien oder Dienstleistungen aus dem Ausland. Dazu zählen unter anderem Endgeräte, Hardware-Komponenten wie Chips und Sensoren, Software-Anwendungen, Cybersicherheitslösungen sowie digitale Maschinen und IT-Dienstleistungen (Bitkom, 2025). Die Zahlen verdeutlichen, dass digitale Infrastruktur entlang der gesamten Wertschöpfungskette international verflochten ist – von der Hardware-Ebene bis zu softwarebasierten Diensten.
USA und China als dominante Abhängigkeitspartner
Als wichtigste Herkunftsländer digitaler Technologien nennen Unternehmen die USA und China. 67 Prozent der Unternehmen importieren digitale Technologien häufig aus den Vereinigten Staaten, 58 Prozent häufig aus China. Gleichzeitig ist die wahrgenommene Abhängigkeit von beiden Ländern im Jahr 2025 deutlich gestiegen (Bitkom, 2025).
Nach eigener Einschätzung wären deutsche Unternehmen ohne digitale Importe aus den USA nur rund zwölf Monate, ohne Importe aus China sogar lediglich elf Monate handlungsfähig (Bitkom, 2025). Diese Einschätzungen verdeutlichen die enge Verknüpfung zwischen technologischer Leistungsfähigkeit und internationalen Lieferbeziehungen. Parallel zur steigenden Abhängigkeit nimmt das Vertrauen in zentrale Herkunftsländer ab. Laut Bitkom (2025) geben 60 Prozent der Unternehmen an, den USA nur wenig oder gar nicht zu vertrauen. Der Anteil der Unternehmen mit Vertrauen in die Vereinigten Staaten sank innerhalb eines Jahres von 51 auf 38 Prozent.
Damit entsteht ein Spannungsfeld: Digitale Abhängigkeiten bleiben bestehen, während das Vertrauen in politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sinkt. Digitale Infrastruktur wird zunehmend als Risikofaktor wahrgenommen.
Digitale Souveränität als strukturelle Herausforderung
Digitale Souveränität wird in diesem Kontext weniger als vollständige Unabhängigkeit verstanden, sondern als Fähigkeit, Abhängigkeiten zu erkennen, zu bewerten und gezielt zu steuern. Dabei geht es nicht um Abschottung, sondern um Transparenz, Resilienz und Handlungsfähigkeit. Digitale Abhängigkeit ist für europäische Unternehmen der Normalzustand. Digitale Souveränität ist keine kurzfristige Lösung, sondern eine langfristige Gestaltungsaufgabe. Sie erfordert Transparenz über bestehende Abhängigkeiten, realistische Risikobewertungen und bewusste Entscheidungen entlang der digitalen Infrastruktur.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob digitale Souveränität notwendig ist, sondern wie Unternehmen mit bestehenden Abhängigkeiten umgehen und an welchen Stellen sie ihre Handlungsfähigkeit gezielt stärken wollen.
Quelle
- Bitkom e. V. (2025): Europas Weg in die digitale Souveränität – Presseinformation, 13. November 2025